Artikelserie: Innovative Rahmenbedingungen im Unternehmen

Verbesserungs- & Innovationsmanagement : Warum erfolgreiche Unternehmen Projekte früh validieren (Teil 5 von 8)

von Thomas Hueber

am 27. Oktober 2020
EXECUTIVE SUMMARY
Innovationsstärke zeigt sich nicht darin, möglichst viele Initiativen zu starten, sondern darin, Annahmen früh zu testen, Lernfortschritt sichtbar zu machen und Ressourcen konsequent neu zu allokieren. Kurze Experimente, frühes Kundenfeedback und gestufte Investitionsentscheidungen reduzieren das Risiko, Zeit und Kapital in schwache Ideen zu binden.
Der entscheidende Managementhebel ist damit eine Kultur, in der das Beenden einer Initiative nicht als Scheitern, sondern als disziplinierte Kapital- und Ressourcenentscheidung verstanden wird.
Industriebeispiele im Beitrag : Amazon = Validierung vor Umsetzung, Duolingo = Lernen mit Nutzern, P&G = Experimentieren mit Kapitaldisziplin, Hilti = institutionalisierte Reflexion, Cloudflare = kurze Testzyklen.

Stoppen, bevor es teuer wird : Wie innovative Unternehmen Ideen früh testen und konsequent beenden

Ein Beitrag von Thomas R. Hueber · Lesezeit : ca. 4 – 6 Minuten

Gute Unternehmen starten Innovations- und Verbesserungsprojekte. Sehr gute Unternehmen wissen aber auch, wann sie aufhören müssen.

Kaum etwas demotiviert Mitarbeiter stärker als die Arbeit an Projekten, deren Nutzen nicht erkennbar ist. Teams haben häufig ein gutes Gespür dafür, ob ihre Arbeit Wirkung erzeugt – oder ob Zeit, Energie und Kapital in Initiativen fließen, deren Erfolg zunehmend unwahrscheinlich wird.

Innovative Unternehmen behandeln das Stoppen deshalb nicht als Scheitern, sondern als Teil professioneller Ressourcenallokation. Sie prüfen Ideen möglichst früh, testen Annahmen systematisch und beenden Projekte, wenn der erwartete Nutzen die weitere Investition nicht rechtfertigt.

Innovationsfähigkeit zeigt sich nicht nur darin, neue Projekte zu starten – sondern auch darin, die falschen rechtzeitig zu beenden.

Der entscheidende Managementhebel liegt damit nicht allein in mehr Ideen, sondern in einer höheren Qualität von Entscheidungen.

Amazon dreht den Innovationsprozess um : Erst der Kundennutzen, dann die Entwicklung

Ein prägnantes Beispiel ist Amazon mit seinem „Working Backwards“-Ansatz.

Statt unmittelbar mit der Produktentwicklung zu beginnen, formuliert ein Produktmanager zunächst eine fiktive Pressemeldung für das fertige Produkt. Sie beschreibt, welches Kundenproblem gelöst wird, welchen konkreten Nutzen das Produkt stiftet und warum es für den Markt relevant sein sollte.

Erst danach beginnt die kritische Prüfung durch das Team.

Sind Nutzenversprechen und Kundenvorteile nicht überzeugend, wird nicht automatisch weiterentwickelt. Die Idee wird überarbeitet, präzisiert oder verworfen.

Wer den Kundennutzen nicht überzeugend beschreiben kann, sollte das Produkt noch nicht bauen.

Amazon verlagert damit einen entscheidenden Teil der Diskussion an den Anfang des Innovationsprozesses – bevor hohe Entwicklungskosten entstehen.

Duolingo macht Nutzer zu einem Teil des Entwicklungsprozesses

Während Amazon intern validiert, bindet Duolingo seine Nutzer frühzeitig in die Weiterentwicklung seiner Angebote ein.

In den Entwicklungsbereichen des Unternehmens können Nutzer Prototypen testen und an Studien teilnehmen. Dadurch erhält Duolingo früh Feedback darüber, welche Angebote funktionieren, wo Nutzungsbarrieren entstehen und welche Funktionen weiterentwickelt werden sollten.

Die Grundidee dahinter ist strategisch relevant : Innovation wird nicht ausschließlich innerhalb des Unternehmens entwickelt und anschließend dem Markt präsentiert. Der Markt wird bereits während des Entwicklungsprozesses zum Lernraum.

„Je früher Kunden mit einer Idee interagieren, desto früher wird aus einer Annahme belastbares Wissen.“

Formate wie die Duolingo Labs und weitere Community-Angebote zeigen, wie Produktentwicklung, Nutzerfeedback und kontinuierliches Lernen miteinander verbunden werden können.

P&G verbindet Experimentierfreude mit Kapitaldisziplin

Auch Procter & Gamble setzt auf systematisches Experimentieren – allerdings mit einer deutlich stärkeren Venture-Logik.

Im Rahmen von GrowthWorks investiert das Unternehmen in neue Geschäftsideen, Intrapreneurship und Venture Building. Kleine Teams testen neue Angebote, identifizieren Kundenprobleme und überprüfen Marktannahmen in einer Vielzahl paralleler Experimente.

Entscheidend ist die Logik hinter der Finanzierung : Nicht jede Idee erhält automatisch große Budgets. Zusätzliche Mittel folgen erst dann, wenn Experimente positive Signale liefern.

„Kapital sollte nicht der Idee folgen, sondern dem nachgewiesenen Lernfortschritt.“

Damit verbindet P&G unternehmerische Freiheit mit klaren Investitionsstufen. Innovation wird nicht als einmalige Großentscheidung behandelt, sondern als Serie kontrollierter Lern- und Finanzierungsentscheidungen.

Hilti institutionalisiert den kritischen Blick auf die eigene Organisation

Innovation betrifft jedoch nicht nur Produkte und Geschäftsmodelle. Sie betrifft ebenso die Art, wie Unternehmen arbeiten.

Der Befestigungsspezialist Hilti nutzt mit seinen „Team Camps Pit Stop“ ein Format, das Mitarbeiter regelmäßig dazu bringt, Zusammenarbeit, Beiträge zum Unternehmen und das eigene Verhalten zu reflektieren.

Im Mittelpunkt stehen drei Elemente: Beitrag zum Unternehmen, Teamentwicklung und Selbstreflexion.

Das Ziel ist bemerkenswert einfach : Bestehende Routinen sollen nicht deshalb fortgeführt werden, weil sie schon immer existiert haben. Teams sollen bewusst hinterfragen, was funktioniert, was verbessert werden muss und welche Arbeitsweisen keinen ausreichenden Nutzen mehr erzeugen.

„Eine innovative Kultur hinterfragt nicht nur neue Ideen – sie hinterfragt auch bestehende Gewohnheiten.“

Damit wird Reflexion von einer gelegentlichen Managementübung zu einem Bestandteil der operativen Kultur.

Cloudflare zeigt den Wert kurzer, begrenzter Experimente

Beim Web-Security-Unternehmen Cloudflare werden neue Ideen in sogenannten „Spikes“ getestet.

Diese Experimente dauern typischerweise etwa zwei Wochen. Ihr Zweck besteht nicht darin, bereits ein perfektes Produkt zu entwickeln. Vielmehr sollen Teams möglichst schnell herausfinden, ob eine Idee technisch, wirtschaftlich oder aus Kundensicht genügend Potenzial besitzt, um weitere Investitionen zu rechtfertigen.

Der begrenzte Zeitraum zwingt Teams zur Fokussierung und reduziert gleichzeitig das Risiko, über Monate Ressourcen in eine ungeprüfte Annahme zu investieren.

„Das Ziel eines frühen Experiments ist nicht Perfektion, sondern eine bessere Entscheidung.“

Damit wird Geschwindigkeit nicht zum Selbstzweck. Sie dient dazu, Unsicherheit schneller zu reduzieren.

Die eigentliche Stärke liegt in der Fähigkeit, Ressourcen neu zu verteilen

Amazon, Duolingo, P&G, Hilti und Cloudflare nutzen unterschiedliche Instrumente. Ihre Managementlogik ist jedoch vergleichbar: Annahmen werden früh sichtbar gemacht, getestet und konsequent bewertet.

Amazon prüft den Kundennutzen vor der Entwicklung. Duolingo lernt direkt mit Nutzern. P&G koppelt weitere Investitionen an experimentelle Evidenz. Hilti hinterfragt bestehende Arbeitsweisen. Cloudflare begrenzt Experimente bewusst auf kurze Zeiträume.

Damit entsteht eine Kultur, in der ein gestopptes Projekt nicht automatisch als Misserfolg gilt.

„Ein früh beendetes Projekt kann wirtschaftlich wertvoller sein als ein Projekt, das aus Gewohnheit weitergeführt wird.“

Denn jede gestoppte Initiative setzt Ressourcen frei – Kapital, Managementaufmerksamkeit und vor allem die Zeit der Mitarbeiter.

Stoppen muss Teil des Innovationssystems werden

Die größte Hürde ist deshalb häufig nicht methodischer, sondern kultureller Natur.

Solange das Beenden eines Projekts als (vielleicht sogar persönliches) Scheitern interpretiert wird, werden Teams dazu tendieren, Initiativen zu lange(!) am Leben zu halten. Organisationen benötigen deshalb eine Kultur, in der das Verwerfen einer Hypothese genauso legitim ist wie ihre Bestätigung.

Entscheidend ist die Frage, welche Erkenntnis ein Experiment erzeugt hat – nicht, ob die ursprüngliche Idee umgesetzt wurde.

„Scheitern wird erst dann teuer, wenn ein Unternehmen nichts daraus lernt und trotzdem weiter investiert.“

Unternehmen, die diese Haltung institutionalisieren, erhöhen nicht nur ihre Innovationsgeschwindigkeit. Sie verbessern vor allem die Qualität ihrer Entscheidungen – und investieren Ressourcen konsequenter dort, wo sie den größten Wert erzeugen.

 


Verwendete Quellen

Die Inhalte basieren auf der praktischen Erfahrungen aus dem Projekt und aus Fachartikeln.

Der Beitrag und die darin verwendeten Kennzahlen basieren auf der praktischen Erfahrungen aus Kundenprojekten und Erfahrung als Führungskraft im Engineering (Industrial Engineering und Produktentwicklung).

Seien Sie der Erste, der diesen Beitrag teilt!

Über den Autor

Thomas R. Hueber, Dipl.-Ing., ist Gründer von Hueber Management Engineers (HME) und begleitet Industrieunternehmen seit 2001 bei der nachhaltigen Verbesserung von Kosten, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

Als ehemalige Führungskraft in Industrie- und Produktionsunternehmen – unter anderem als Werkleiter, VP und Business Unit Leiter – verbindet er operative Praxiserfahrung mit Industrial Engineering und strategischem Management. Sein Fokus liegt nach der Erstellung von Konzepten, vor allem auf deren konsequenter Umsetzung bis zum messbaren Ergebnis. Seine Vorgehensweise ist vielfach bewährt — gerade auch im Umfeld von Cost Improvement & Performance Improvement TurnAround & Transformationen und von Private-Equity-Investoren.

HME steht für Cost & Performance Improvement mit nachhaltiger Wirkung: fundierte Analyse, individuelle Lösungsentwicklung und operative Umsetzung aus einer Hand. Ziel jeder Zusammenarbeit ist es, messbare Ergebnisverbesserungen zu erzielen und gleichzeitig Kompetenzen dauerhaft im Unternehmen zu verankern.

Weitere Details finden Sie hier auf dieser Homepage – oder auf www.thomas-hueber.de – oder auf LinkedIn unter www.linkedin.com/in/thomas-r-hueber-hme/

Das könnte Sie auch interessieren: