Was eine Produktionsverlagerung tatsächlich kostet. Und wo die tatsächlichen Kosten enstehen

von Thomas Hueber

am 8. September 2026
Executive Summary
Produktionsverlagerungen (Relocation-Business-Cases) unterschätzen häufig den tatsächlichen Kapitalbedarf, weil sie sich auf den sichtbaren technischen Umzugsaufwand (Maschinenverlagerungsaufwand) konzentrieren. In der Praxis kommen jedoch zusätzliche Bestände, Projekt- und Ramp-up-Aufwand, Parallelbetrieb sowie Anlaufverluste hinzu. Aus 100 % sichtbarer Relocation-Basis werden dadurch erfahrungsgemäß eher 130 – 145 % Gesamtbedarf.
Bei einem technischen Umzugsbudget von 10 Mio. € bedeutet das einen tatsächlichen Kapitalbedarf von rund 13,4 bis 14,5 Mio. €. Der Unterschied entsteht nicht primär durch neue Maschinen, sondern durch Working Capital, Wissenstransfer, Qualifizierung, Doppelstrukturen und die Wiederherstellung stabiler Produktionsleistung.

Der richtige Business Case endet nicht bei ‘Machine Installed’  –  sondern bei stabiler Zielperformance  –  dem Ramp-Up bis Kammlinie  –   in Qualität, Output und Kosten.

Eine Produktionsverlagerung beginnt mit 100 % Verlagerungsaufwand. Sie endet aber häufig bei 135 – 145 % Kapitalbedarf.

Ein Beitrag von Thomas R. Hueber · Lesezeit    : ca. 8-10 Minuten

 Faustregel für Produktionsverlagerungen  : aus 100 % sichtbare Umzugsinvestition bedeuten meist 135 – 145 % tatsächlichen Kapitalbedarf

Der ersten Business Cases einer Produktionsverlagerung sehen meist übersichtlich aus.

  • Gebäude anpassen.
  • Medien bereitstellen.
  • Vorhandene Produktionsmittel abbauen.
  • Maschinen transportieren und wieder installieren.
  • Produktion starten.

Zusammen  : 100 % sichtbarer Relocation-Aufwand.

Leider kennt die reale Verlagerung noch einige weitere Positionen.

  • Sicherheitsbestände aufbauen.
  • Parallelproduktion gewährleisten.
  • Projektierungsaufwand (externer Profi / erfahrener Interim-Manager).
  • Qualifizierung der Mitarbeiter vor Ort.
  • Anlaufverluste.
  • Zusätzlicher Logistikaufwand.
  • Doppelstrukturen in der Übergangsphase.
  •  Requalifizierungsaufwand.
  • Ramp-Up Aufwand

Die praktische Faustregel lautet deshalb  :

100 % sichtbarer Relocation-Aufwand entsprechen erfahrungsgemäß eher 130 – 145 % tatsächlichem Kapitalbedarf.

Der Unterschied ist kein ‘Puffer’.

Er ist der Teil der Verlagerung, der im ersten technischen Budget gerne nicht vorkommt.

100 % Relocation-Aufwand sind nicht 100 % Kapitalbedarf

Tabelle 1 : Richtwerte der Zuschlagsfaktoren für einen frühen Business Case Relocation
KostenblockRichtwerteTypische Inhalte
Sichtbarer Relocation-Aufwand100 %Gebäudeanpassungen, Infrastruktur, Demontage, Maschinentransport,
Installation und Wiederinbetriebnahme vorhandener Produktionsmittel
Zusätzliche Bestände / Working Capital+10 – 15 %Vorproduktion, Sicherheitsbestände, WIP, Anlaufmaterial
Projekt-, Transfer- und Ramp-up-Aufwand+15 – 20 %Engineering, Projektmanagement, Qualifizierung, Abnahmen,
Reiseaufwand, externe Unterstützung
temporäre Doppelstrukturen / Anlaufverluste / operative Absicherung+7 – 15 %Parallelproduktion, anfängliche Minderproduktivität,
zusätzliche Schichten, Scrap, Rework
abgeschätzter
Gesamt-Kapitalbedarf
ca. 130 – 145 %Vollständiger Bedarf bis zum stabilen Zielbetrieb

Hinweis zur Tabelle und deren Werte : Die Werte sind indikative Erfahrungswerte aus vergangenen Relocation-Projekten und keine universellen Benchmarks. Produktkomplexität, Automatisierungsgrad, Distanz, Greenfield/Brownfield, Personaltransfer und Ramp-up-Risiko können die Größenordnung deutlich verändern.

Was steckt in den ersten 100 %?

Wichtig ist die Definition.

Die 100 % Basis unterstellt ausdrücklich keinen generellen Neukauf von Produktionsmitteln.

Sie beschreibt den Aufwand, vorhandene Produktionsfähigkeit an einen anderen Standort zu überführen.

Tabelle 2 : Die folgenden Richtwerte dienen der ersten Kosten-Strukturierung.
Basis der sichtbaren Relocation-Basis = 100 %Richtwerte
Demontage, Verpackung und Transport vorhandener Produktionsmittel20 – 30 %
Wiederinstallation, Ausrichtung, Inbetriebnahme20 – 25 %
Gebäude- und Flächenanpassungen15 – 20 %
Medien, Energie, IT und technische Infrastruktur, Anpassungen15 – 20 %
Lager und Intralogistik5 – 10 %
Technische Nebenmaßnahmen, Prüfmittel und Integrationsaufwand5 – 10 %

Hinweis zur Tabelle und deren Werte : Zur Einordnung, nicht zur Addition: Die Korridore sind Orientierungsrahmen – die Einzelwerte folgen keiner Summenlogik

Und natürlich kann eine Relocation zusätzliche Neuinvestitionen auslösen. Aber dann handelt es sich um zusätzlichen CAPEX  –  nicht um den eigentlichen Umzugsaufwand der bereits vorhandenen Produktionsmittel.

Aus 10 Millionen werden schnell 13 bis 15

Ein einfaches Beispiel  :

Der sichtbare technische Relocation-Aufwand beträgt  : 10,0 Mio. Euro = Index 100

Mit den genannten Erfahrungsfaktoren ergeben  sich  : 130 – 145 % = 13 bis 15 Mio. Euro

Der Unterschied von 3 bis 5 Mio. Euro entsteht nicht durch die üblichen Kostenüberschreitungen. Denn die Rahmenbedingungen werden als unverändert angenommen.

Der Unterschied entsteht dadurch, dass Produktion während einer Verlagerung weiter funktionieren muss. Das ist z.B. ein wesentlicher Unterschied für die technische Planung. Für Cash Flow und Business Case eher nicht.

Working Capital  : Die Maschinen fahren. Der Bestand steigt vorher an.

Eine Verlagerung ohne zusätzliche Bestände ist theoretisch möglich. Ebenso wie ein Projekt ohne Änderungen. Man begegnet beidem gelegentlich in PowerPoint.

In der Praxis wird vorproduziert, um Kundenservice während der Verlagerung abzusichern. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Bestände am neuen Standort, Anlaufmaterial und WIP.

Als erste Orientierung sollte deshalb ein zusätzlicher Working-Capital-Bedarf von rund 10 – 15 % der sichtbaren Relocation-Basis eingeplant werden.

Die relevante Frage lautet  :

Wie viel Cash müssen wir vor der eigentlichen Verlagerung binden, damit unsere Kunden möglichst wenig von ihr bemerken ?

‘Supply Continuity’ klingt strategisch. Es entsteht trotzdem im Lager ein zusätzlicher Bestand.

Ramp-up  : Installiert bedeutet noch nicht produktiv

Die Produktionsmittel sind angekommen. Sie wurden angeschlossen. Die Projekt-Ampel zeigt grün.

Im Projektplan erscheint  : ‘Relocation achieved.’ Sehr schön.

Leider produziert ein verlagertes System nicht automatisch ab Tag eins mit der erwarteten alten Produktivität, Qualität und Stabilität.

  • Mitarbeiter müssen erste eingearbeitet werden.
  • Prozesse müssen sich stabilisieren.
  • Qualität muss bestätigt werden.
  • Materialflüsse müssen funktionieren.
  • Taktzeiten müssen erreicht werden.

Darum sind 15 – 20 % für Projekt-, Transfer- und Ramp-up-Aufwand kein ungewöhnlicher First-Cut-Korridor.

Technische Inbetriebnahme ist ein Meilenstein. Wirtschaftliche Stabilität ist das Ziel.

Doppelbetrieb  : teuer, aber häufig Teil der Absicherung

Für lieferkritische Produkte kann die alte Produktion nicht einfach am Freitag stoppen, damit die neue am Montag übernimmt. Überspitzt gesagt.

Dazwischen liegt die Realität. Deshalb entstehen temporäre Doppelstrukturen  :

  • zwei Produktionsflächen,
  • zwei Produktionsteams,
  • zwei Materialflüsse,
  • zwei Produktionsbestände.

Zusammen mit Anlaufverlusten, Rework und zusätzlichen Schichten können hierfür weitere rund 10 – 15 % relevant werden.

Das ist teuer. Ein ungeplanter Lieferstopp ist häufig teurer.

Fünf ‘Kostenplanungsregeln‘ für erfolgreiche Produktionsverlagerungen

1. Die Umzugsbasis mit 100 indexieren.

Gemeint sind Gebäudeanpassung, Infrastruktur und der Transfer der vorhandenen Produktionsmittel.

2. 100 % nicht mit Gesamtbedarf verwechseln.

Für einen frühen First Cost Cut eher 130 – 145 % ansetzen.

3. Neue Produktionsmittel separat behandeln.

Zusätzliche oder ersetzende Maschinen sind zusätzlicher CAPEX  –  kein versteckter Bestandteil des Umzugsaufwands. Alternativ gibt es das Refurbishment oder Retrofit.

4. Working Capital, Ramp-up und Doppelbetrieb explizit rechnen.

Diese Positionen verschwinden nicht dadurch, dass Procurement dafür keine Bestellung auslöst.

5. Nicht bis zur Installation rechnen – sondern bis zur stabilen Produktion.

Der relevante Endpunkt ist nicht ‘Machine Installed’, sondern stabile Zielperformance bei Qualität, Output und Kosten.

Fazit :    Produktionsverlagerung ist mehr als ein Maschinenumzug

Die größte Fehlannahme bei Verlagerungsprojekten ist erstaunlich einfach  : ‘Die Produktionsmittel existieren bereits  –  also kann der Transfer nicht so teuer sein.’

Richtig. Die Maschinen existieren. Aber die neue Produktionsfähigkeit noch lange nicht.

Und genau diese muss am Zielstandort wiederhergestellt werden  –  inklusive Infrastruktur, Materialfluss, Menschen, Prozesse, Bestände und Ramp-up.

Deshalb lautet die praktische Plankostenrichtwert  :

  • 100 % sichtbarer Umzugsaufwand
  • +  Working Capital
  • + Projektierung und Ramp-up
  • + operative Absicherung

  • = rund 130 – 145 % tatsächlicher Kapitalbedarf.

Die entscheidende Managementfrage lautet damit nicht  : ‘Was kostet es, unsere Produktionsmittel umzuziehen?’ sondern  :
‘Was kostet es, unsere heutige Produktionsfähigkeit an einem anderen Standort stabil wiederherzustellen?’

 


Verwendete Quellen, Nachwor, Begriffserläuterungen

Die im Beitrag erwähnten Benchmarks und gemachten Aussagen basieren auf operativer Umsetzungserfahrung und Erkenntnissen als Führungskraft auf VP und Direktoren Level in Produktionsunternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus und auf einer Fachliteraturrecherche, auf und einschlägige Studien.

Die genannten Kennzahlen sind ausdrücklich nicht als Branchenbenchmark oder als Aussage eines einzelnen Unternehmens zu verstehen. Die dargestellten Inhalte sind als Management- und Engineering-Impuls zu verstehen – nicht als abschließende Entscheidungsgrundlage.

Verwendete Fachbegriff   :

  • Refurbishment : Bezeichnet die grundlegende Aufarbeitung und Wiederherstellung bestehender Maschinen, Anlagen oder Komponenten, um ihren technischen Zustand, ihre Zuverlässigkeit und häufig auch ihre Lebensdauer deutlich zu verbessern. Im Fokus steht die Substanz und Funktionsfähigkeit des vorhandenen Assets – nicht zwingend eine technologische Neuausrichtung.
  • Retrofit : Bezeichnet die gezielte technische Modernisierung bestehender Maschinen oder Anlagen, indem neue Komponenten, Steuerungen, Sensorik, Software oder Funktionen nachgerüstet werden. Ziel ist es, Leistungsfähigkeit, Effizienz, Sicherheit, Automatisierungsgrad oder digitale Anschlussfähigkeit zu erhöhen, ohne das gesamte Produktionsmittel zu ersetzen.
  • Kurz gefasst : Refurbishment stellt wieder her. Retrofit entwickelt weiter.

Bildquelle : Eigene Aufnahme aus dem Alltag auf dem Shopfloor.

Mehr darüber aus aus einer Vielzahl erfolgreich abgeschlossenen Projekten seit 2015 finden Sie  hier (link)

 

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Über den Autor

Thomas R. Hueber, Dipl.-Ing., ist Gründer von Hueber Management Engineers (HME) und begleitet Industrieunternehmen seit 2001 bei der nachhaltigen Verbesserung von Kosten, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

Als ehemalige Führungskraft in Industrie- und Produktionsunternehmen – unter anderem als Werkleiter, VP und Business Unit Leiter – verbindet er operative Praxiserfahrung mit Industrial Engineering und strategischem Management. Sein Fokus liegt nach der Erstellung von Konzepten, vor allem auf deren konsequenter Umsetzung bis zum messbaren Ergebnis. Seine Vorgehensweise ist vielfach bewährt — gerade auch im Umfeld von Cost Improvement & Performance Improvement TurnAround & Transformationen und von Private-Equity-Investoren.

HME steht für Cost & Performance Improvement mit nachhaltiger Wirkung: fundierte Analyse, individuelle Lösungsentwicklung und operative Umsetzung aus einer Hand. Ziel jeder Zusammenarbeit ist es, messbare Ergebnisverbesserungen zu erzielen und gleichzeitig Kompetenzen dauerhaft im Unternehmen zu verankern.

Weitere Details finden Sie hier auf dieser Homepage – oder auf www.thomas-hueber.de – oder auf LinkedIn unter www.linkedin.com/in/thomas-r-hueber-hme/

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